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#1 2011-01-06 03:06:00

xxxSR
Neues Forenmitglied
Registriert: 2011-01-06
Beiträge: 2

Warum sind Personen auf Portraits des Mittelalters so hässlich?

Ist es euch schonmal aufgefallen? Es gibt weder in Schlössern oder Burgen, noch in Museen Portraits von wahrhaft hübschen Menschen aus der Zeit des Mittelalters.
Betrachtet doch mal die Bilder des vielgelobten Hans Holbein. Holbein war einer der begehrtesten Maler seiner Zeit aber seine Portraits wirken super unrealistisch.
Die Damen zum Beispiel haben allesamt große, Zinkenartige Nasen und ein zurückfliehendes Kinn. Nehmen wir mal dieses Gemälde (link zu wikipedia)
http://de.wikipedia.org/w/index.php?tit … 1118004908

Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass so ein Bild wirklich wahrheitsgemäß die Realität wiedergibt. Das würde ja bedeuten, "alle" Menschen im Mittelalter waren "hässlich" oder sahen komisch aus.

Meine Frage: hat man im Bezug auf Technik, Stil und Perspektive eventuell einfach eine ganz bestimmte Art und Weise damals gehabt, die Dinge darzustellen?  War das vielleicht die Mode?
Oder gab es einfach noch keine Maler, die die Menschen perfekt zeichnen konnten? Dann müssten sich die Leute aber ziemlich dran gewöhnt haben, denn im Zusammenhang mit einem ähnlichen Holbein - Gemälde wird im Bezug zur portraitierten Dame das Wort Schönheit verwendet.

Ich kann es einfach nicht nachvollziehen! War das früher denn normal? Haben sich die Menschen seitdem wirklich so verändert?

Ich bin sehr gespannt auf eure geschätzte Meinung!

LG

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#2 2011-01-07 18:12:48

Osian
Forenmitglied
Registriert: 2010-05-29
Beiträge: 119

Re: Warum sind Personen auf Portraits des Mittelalters so hässlich?

Hallo xxxSR,

das war nicht mehr Mittelalter sondern Renaissance. Im Mittelalter wurden überhaupt keine weltlichen Leute zur Repräsentation dargestellt.
Der Typus des autonomen männlichen Profiportraits Anfang des Quattrocento hat sich aus Stifterportraits, gemalten Reiterdenkmälern und Medallienprotraits entwickelt. Frauen kommen zu dieser Zeit nur in Stifterportraits und Brautbildnissen  vor.

Das hier thematisierte Bildniss war ein Repräsentaionsbildnis. Die gezeigte Jane Seymor von 1537 war Ehefrau von Heinrich dem VIII und Mutter König Eduard VI.
Mit der 3/4 Ansicht traten zwar inividuelle Züge in den Vordergrund, aber nicht so, wie wir das heute gewohnt sind. Die stärkeren Aussagen über die abgebildete Person lassen sich aus den beigegebenen Attributen, Kleidung, Schmuck usw. erschließen. Es gab  standesbedingte  Regeln.
Ich habe da noch eine Aussage von einem Betrachter im Ohr: die (abgebildete Frau) guckt so griesgrämig, obwohl sie so mit Schuck behängt ist ;-).  In den Portraits der Mona Lisa und der Cecilia Gallerani von Leonardo da Vinci Ende der Quattrocento deuten sich erste Persönlichkeitsmerkmale an, aber der spezifische individuelle Ausdruck einer Persönlichkeit,  psychologische Merkmale wurden erst in den Bürgerportraits im 18. Jh. richtig aktuell.

Wie die Menschen "wirklich" ausgesehen haben, weiß ich auch nicht ;-), es gab ja noch keine Fotografie.

Beitrag geändert von Osian (2011-01-07 18:13:51)

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#3 2011-01-14 22:44:03

xxxSR
Neues Forenmitglied
Registriert: 2011-01-06
Beiträge: 2

Re: Warum sind Personen auf Portraits des Mittelalters so hässlich?

Hi Osian,
Ah, vielen Dank für deine Antwort, das habe ich nicht gewusst! Deine Erklärung klingt absolut logisch, ich kann es gut nachvollziehen!
Dennoch wundere ich mich ein wenig, dass man auf eine realistische Abbildung der Gesichtszüge noch so wenig Wert legte. Daran sieht man mal wieder, um was es früher beim Thema Heirat wirklich ging: um Politik, Macht, Einfluss und darum, eine "gute Partie" zu machen.
Unglaublich, dass sich dabei niemand was gedacht hat. Kein Wunder also auch, dass so viele Ehen unglücklich waren.
Respekt für dein Wissen und vielen Dank!

Lg xxxSR

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#4 2012-06-13 09:34:42

Liev
Neues Forenmitglied
Registriert: 2012-06-13
Beiträge: 9

Re: Warum sind Personen auf Portraits des Mittelalters so hässlich?

Hi!

Schade, genau zu dem Thema gab es bis Ende letzten Jahres eine Ausstellung in Berlin dazu!! Die "Gesichter der Reinaissance"....jetzt kannst du sie in New York anschauen ;-)

In der Zeit findest du einen guten Artikel zu der Ausstellung.

Viel Spaß beim Lesen und viele Grüße,
Liev

Beitrag geändert von Liev (2012-06-13 09:37:13)


"Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen.
Den Vorhang zu und alle Fragen offen." Brecht

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#5 2012-06-29 11:35:13

ErnstG
Neues Forenmitglied
Registriert: 2012-03-17
Beiträge: 4

Re: Warum sind Personen auf Portraits des Mittelalters so hässlich?

Vermutlich waren die Menschen, besonders der Adel, wirklich so häßlich?
Kann mir nicht vorstellen, dass die Maler zu der Zeit keine "Individualisierung" kannten, wenn die restlichen Elemente eines Bildes sehr realistisch gemalt wurden. Man sehe sich einml die exzellenten Skizzen und die Ausarbeitung der Kleidung bzw. des Schmuckes an.
Ernst

Offline

#6 2012-10-17 15:02:59

Aaron
Neues Forenmitglied
Registriert: 2012-10-13
Beiträge: 9
Website

Re: Warum sind Personen auf Portraits des Mittelalters so hässlich?

ErnstG schrieb:

Vermutlich waren die Menschen, besonders der Adel, wirklich so häßlich?
Ernst

Bestimmt! Picassos weibliche Modelle hatten ja auch quadratische Köpfe mit einem Auge oben am Kopf und dem anderen unten am Kinn.


Im ersten Antwortbeitrag wurde es bereits gesagt. Naturgetreue Darstellung des Menschen wurde in der Kunst erst später thematisiert. Besonders sticht dies in Kinderdarstellungen hervor. Das "Jesuskind" wurde stets mit adultem Gesicht gemalt, also wie ein winziger Erwachsener, die stillende Maria war mehr rundlicher Fleischklops als mit definierter Körperanatomie ausgestattet. Natürlich haben die Urheber solcher Gemälde gewusst wie Frauen und Säuglinge aussehen.
Man hatte aber eine gewisse stereotype Verallgemeinerung jener Motive akzeptiert, dessen genauere anatomische Erforschung ohnehin unziemlich und somit tabu gewesen wäre.
Wie etwas gemalt wird oder wurde ist keine Frage der tatsächlichen Physiognomie, sondern der Konvention in der jeweiligen Zeit. Schon prähistorische und frühhistorische menschliche Darstellungen wurden maßgeblich von den jeweils temporär an diesen Orten geltenden Konvention geprägt.

In ägyptischen Grabmalereien und Reliefs wurden Personen nahezu ausschließlich schematisch anmutend im Profil mit deutlichen Außenkonturen versehen.
Zuvor in den Höhlenmalereien gab es ebenfalls schon das Phänomen der Stilisierung. Menschliche Darstellungen in der nordspanischen Höhle 'Altamira' beispielsweise sind allsamt im sogenannten Levantes- Stil gehalten. Das bedeutet, dass Körperextremitäten, insbesonders die Beine "überlang" gemalt wurden, obwohl dieselben Künstler Tiere anatomisch exakt zeichneten. Perspektivische Darstellung wurde übrigens verweigert, obwohl Menschen selbstverständlich zu allen Zeiten ihre Welt dreidimensional wahrnahmen.
Wie Künstler ihre Ereigniswelt in Abbildern formulieren kann man nur verstehen, wenn man den kulturellen Kontext versteht.
Das ist heutzutage, nebenbei gesagt, in Bezug auf moderne Kunst selbst für viele Zeitgenossen ein Unterfangen, an dem sie völlig scheitern.

Gal

Beitrag geändert von Aaron (2012-10-17 15:42:57)

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