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#1 2004-09-08 14:41:16

tristan
Forenmitglied
Registriert: 2004-09-06
Beiträge: 39

Kunst vs. Schönheit - Das Dilemma der Modefotografie

Wie gesagt, ich habe für die Schweizer Kunst-/Kulturzeitschrift "Passagen" einen Essay zum Thema Kunst/Schönheit, Modefotografie/Kunst geschrieben. Er holt ziemlich weit aus, bis in die Vergangenheit, zählt einzelne aktuelle Beispiele auf, von der reinen Modefotografie bis zur modefotografie-ähnlichen Kunst und mündet schliesslich in einer Art Plädoyer für eine 'schönere Kunst' (nicht mehr nur reine Konzept-Kunst, wie sie heute vorherrschend ist) ;-)

Soll ich ihn hier raufknallen (ist aber sehr, sehr lang) oder einen Link angeben, wo man ihn downloaden kann?

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#2 2004-09-08 16:36:55

teecee
Forenmitglied
Ort: Frankfurt/Main
Registriert: 2004-05-10
Beiträge: 24

Re: Kunst vs. Schönheit - Das Dilemma der Modefotografie

ich denke, ein link ist praktikabler.

Gruss
teecee

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#3 2004-09-08 22:36:48

Daniel
Administrator
Ort: Potsdam
Registriert: 2004-02-02
Beiträge: 414
Website

Re: Kunst vs. Schönheit - Das Dilemma der Modefotografie

teecee schrieb:

ich denke, ein link ist praktikabler.

Denke ich auch.

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#4 2004-09-08 23:56:03

tristan
Forenmitglied
Registriert: 2004-09-06
Beiträge: 39

Re: Kunst vs. Schönheit - Das Dilemma der Modefotografie

here you go: http://www.theunderweb.ch/underweb_text.htm (ganz oben, download ein wenig weiter unten)

Offline

#5 2004-09-13 10:30:56

Daniel
Administrator
Ort: Potsdam
Registriert: 2004-02-02
Beiträge: 414
Website

Re: Kunst vs. Schönheit - Das Dilemma der Modefotografie

Ich habe Tristans Essay doch mal 'reingestellt. Für alle, die kein .doc aus dem Netz laden wollen. :-)

Quelle: http://www.theunderweb.ch/Texte/Das%20P … hoenen.doc

---

Das Problem des Schönen

Mithin weiss die Modefotografie selbst nicht, ob sie bereits Kunst oder ob sie nur schön ist. Auf dem schmalen Grat zwischen Gefälligkeit und Subtilität wandernd befindet sie sich stets am Anhang zur Kunstwirklichkeit und am Abgrund zur Banalität. Doch wo beginnt die Kunst - und wo endet sie?


a) Die Kunst als Kunst des Schönen

Nach Camille Paglia waren es die Ägypter, die den Glamour, die Eleganz und den Lifestyle erfunden haben. Die Götter und Pharaonen in der Grabmalerei dieser Zeit sind zum erstenmal stilisiert und nicht naturalistisch dargestellt; die Büste der Nofretete ist das Portrait eines Models, und die Pharaonen waren schräger geschminkt als heute die Drag-Queens! Auch die griechischen Plastiken der Antike waren einem idealisierten Schönheitsideal nachempfunden, und sogar die mittelalterlichen Gemälde und Mariendarstellungen waren nicht nur allerliebst, sondern stellten dabei auch noch schöne - himmlisch reine - Menschen dar. In der Renaissance schliesslich wurde der Mensch in seiner diesseitigen und realen Schönheit entdeckt und als solcher - erstmals - portraitiert. Die Ausmalungen und die Figuren von Michelangelo sind, so abgründige Aspekte sie auch aufweisen, rätselhaft schön, Leonardo’s Darstellungen höfischer Frauengestalten sind für ihre schlichte Schönheit berühmt, und Raffael ist gar der Portraitist der Schönheit seiner Zeit. Damit sind auch schon (nach vieler Meinung) die grössten Künstler aller  Zeiten benannt. Und denken wir nur an Botticelli, dessen traumhaft entrückte Frauen alle so seltsam gleich aussehen und bereits im 15. Jahrhundert den kühlen Gestus eines Models innehaben: Seiner schwebende Venus auf der Muschel, dem Windgott daneben und der Göttin Flora („Die Geburt der Venus“) fehlen eigentlich nur noch der Gucci-Schal und die Versace-Jeans, so sehr erinnern sie an eine zeitgenössische Modewerbung.
Klafft also ein derartiger Abgrund zwischen der konventionellen Kunst und der geschönten, manierierten Welt der Modefotografie? Oder muss man nicht umgekehrt schon Velàzquez als den ersten Modefotografen und Leonardo da Vinci als den Jürgen Teller seiner Zeit betrachten? Klar ist auf alle Fälle, dass sich die Modefotografie traditionell aus der Portraitfotografie und -malerei herausentwickelt hat und diese wiederum ihren Ursprung in der frühen Renaissance nahm. Portraits seit dem Beginn der Neuzeit waren mit den glänzendsten Materialien und kostbarsten Kleidern versehen - und das gilt nicht nur für die Darstellung von Königen und Päpsten! Zur Schönheit gehörte lange Zeit ganz automatisch der Luxus, und mit dieser Schönheitsauffassung korrespondiert auf merkwürdige und heimliche Weise das mittelalterliche Ideal des „splendor“, des Glanzes und der festlichen, strahlenden Farbe, die - nach Suger und Thomas von Aquin - jedem Schönen inne ist.
Die Schönheit wurde in der traditionellen Kunst also keinewegs missbilligt, und mit der Schönheit verband man zwanglos das Glanzvolle, Herausgeputzte und Prächtige, heute würde man sagen: Gestylte. Im florentinischen Platonismus des 16. Jahrhunderts führte diese Welthaltung geradezu dazu, dass die Ästhetik zur Lebensnorm wurde, und auch vom Barock bis zur Romantik wurde die Schönheit keineswegs verpönt, sondern in ihren verschiedenen Formen gefeiert! Oscar Wilde ging 1891 sogar so weit zu sagen, dass der Künstler „the creator of beautiful things“ ist (sein erster Grundsatz), und für Nietzsche, einen anderen Protagonisten des Ästhetizismus, ist das Leben sowieso nur als ästhetisches begreifbar. Doch Wilde fügte seinerzeit einen zweiten wichtigen Satz hinzu, den man nicht übersehen sollte: Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol.


b) Die Kunst der Oberfläche

Mithin könnte das Problem also darin bestehen, dass die Modefotografie nur Oberfläche präsentiert - und auf nichts zweites, Hinteres verweist. Doch werden wir ein wenig konkreter und suchen wir die Antwort in der praktischen Beobachtung eines Fotografen. Der Schweizer Diego Alborghetti arbeitet in Paris, der Stadt der 5000 Modefotografen, von denen 500 beschäftigt sind. Der Bezug zur Renaissance ist bei ihm nicht etwa gesucht oder gewählt, sondern die Darstellungsweise der Renaissance spielt in seinen Bildern eine gravierende und offensichtliche Rolle. Auch wenn seine unmittelbaren Vorbilder Fotografen wie Miles Aldridge, Paolo Roversi und Inez van Lamsweerde sind, so ist sein grundlegendes Ideal doch das der „Eleganz“: Der Mensch, das Modell soll für ihn in einer ganz bestimmten Weise auf dem Bild erscheinen, die zugleich ausdrucksvoll, lebendig und seelenvoll ist. Nichts fasziniert ihn mehr wie die geheimnisvolle Anmut und Grazie einer Frau - und eben diese vermochten die Künstler der Renaissance noch auf so einzigartige Weise darzustellen. Auch das Spiel von Licht und Schatten, das gegen Ende dieser Kunstperiode auftaucht, ist für die Fotografie von Alborghetti essenziell. Heisst doch Fotografieren für den jungen Zürcher „Schreiben mit Licht“. Die visuelle Kluft von Hell und Dunkel dient ihm als dramaturgisches Mittel, um Emotionen zu transportieren, resp. diese zu gestalten. Das Dunkel selbst reizt ihn als ein Ort des Geheimnisvollen.
Dieser ästhetische Dramatizismus nähert sich im Grunde schon wieder der Welt des Theaters. Gesten, Mimiken und Gesichter sind es vor allem, die Alborghetti interessieren - auch das realistische Element ist für ihn vernachlässigbar. Im Gegenteil: „Je unreeller, desto schöner.“ Ziel ist der Traum. Was Alborghetti wirklich reizt, sind Fiktionen, bis ins Extrem gezogen. Somit ist auch jedes Fotoshooting für ihn eine Inszenierung, ein Fest des Augenblicks. Die Auswahl des Models ist darum so entscheidend, weil dieses sich mit seiner Fantasie zusammen verwandeln und inszenieren können muss. Ein gutes Modefoto, so Alborghetti, muss einerseits im Bereich des Verständlichen bleiben, also einen gewissen Grad an Evidenz aufweisen, andererseits aber auch etwas zeigen, das über den Vorstellungsgrad des Betrachters hinweggeht und im Geheimnisvollen verweilt. Letztendlich soll aber jedes seiner Bilder eine „Ode an die Frau“ oder an die Schönheit sein. Bei all diesen künstlerischen Komponenten sieht sich der Schweizer aber keineswegs als expliziter Künstler. Vielmehr geht es ihm primär darum, sich in seiner eigenen Bildersprache ausdrücken zu können, dorthin zu „gehen, wo ich gerne bin“.
Dieses Beispiel zeigt, wie der typische Modefotograf der Oberfläche, dem Glamour der Dinge, ihrer Eleganz und ihrem Schick keineswegs abgeneigt ist, sondern ihr ein ganz eigenes, verhülltes Interesse entgegenbringt, frei nach dem Satz von Oscar Wilde, dass das Geheimnis der Welt im Sichtbaren, nicht im Unsichtbaren liegt. Diese äussere, schöne Hülle der Dinge gilt es für ihn zu zelebrieren. In diesem Sinne ist er ein ganz und gar äusserlicher, dem Materiellen zugewandter Mensch. Modefotografie ist ein bewusstes Aufgehen in der Oberfläche der Welt, im Sinnlichen und Ästhetischen, durchaus auch Erotischen. Das Problem, Gebrauchsmittel für kommerzielle Zwecke zu sein, taucht für sie gar nicht erst auf, ist sie ja in sich schon Oberfläche, die sich hier nur mit Oberfläche vereint.
Im 20. Jahrhundert führte dieser Hang zum rein Äusserlichen und Ästhetischen so weit, dass sich die Modefotografie immer mehr zur Inszenierung einer eigenen, idealen und in seiner Reinheit virtuellen Welt entwickelte. Jeder Betrachter eines Modefotos spürt genau, es ist inszeniert. Nie käme man auf den Gedanken, die Szene sei nicht gestellt oder in etwa gar real. Ein eigener Raum des Absurden, des Leeren und Bedeutungslosen wurde von der Modefotografie erobert; jede Fotografie, jede Inszenierung ist ein bewusstes Kreiseln in diesem Raum. Die Oberfläche wird nie verlassen, sie muss im Gegenteil gefeiert, ausgefüllt, neu entdeckt und inspiziert werden. Ja, Modefotografie darf sich nur in diesem Kosmos der Oberflächlichkeit bewegen. So wie ja die ganze Modeindustrie, vom Stylisten über die Visagistin bis hin zum Modelagenten, in diesem Kosmos tanzt.
Doch was ist mit der Kunst? Kunst wird in diesem Kontext verstanden als originelles Betreten und Veranschaulichen dieses Raums der Äusserlichkeit, als ästhetisches Ereignis, als virtuose, kreativ Form. Dies führt dazu, dass Modefotografen ihre Werke heute immer mehr in Galerien ausstellen und fantasievolle Handwerker in der Art eines Steven Meisel oder Helmut Newton in den Rang eines Künstlers erhoben werden. Modefotografie scheint Kunst als Oberfläche zu missverstehen. Möglicherweise missversteht sie die Kunst an sich.


c) Kunst als Ideenhandwerk

Doch was ist Kunst? Spätestens im 20. Jahrhundert wurde es müssig, über diese Frage, resp. über den Status einer reinen Kunst zu diskutieren. In jenem Jahrhundert, als Man Ray Mode- und People-Fotos schoss und zugleich als Pionier des Surrealismus und der „Rayografie“ gilt und Andy Warhol, ein Werber, zu den grössten Künstlern der Zeit gerechnet wird, brachen alle Grenzen zwischen purer und angewandter Kunst ein. Werbung, Mode, Kunst und Kommerz beeinflussen sich heute alle gegenseitig und finden - der Kuratorin Michelle Nicol zufolge - sogar zunehmends auf dem gleichen Terrain statt. So sehr man diese Entwicklung und die damit verbundene Kommerzialisierung auch bedauern mag, so sehr bedeutet sie für die wirklich Kreativen doch eine neue Freiheit. So hat sich in diesem Zwiespalt zwischen der verfeinerten, künstlerischen Wahrnehmung der Welt und dem einst von Eco beschriebenen Masscult inzwischen eine ganze Welt, von originellen Videoclips, engagierten Werbegrafiken, literarischen Reportagen und experimentell angelegten Filmen, eingenistet und lebt darin wie in einem fröhlichen Kessel. Denn vielleicht ist es ja gerade schön und spannend, keinem dieser Bereiche - hier die Kunst und da der Kommerz - ganz und vollständig zugeordnet werden zu können und so quasi als Freigeist zwischen Pop und Avantgarde hin und her zu pendeln.
Genau das ist auch die Einstellung des jungen Luzerner Fotografenduos Fotosolar. Alex Gertschen und Felix Meier erinnern nicht nur äusserlich an Pierre & Gilles: Auch ihre Fotografie ist so fantasievoll und in sich komplex, dass sie nur schwerlich als konventionelle Modefotografie wahrgenommen werden kann. Doch woher kommt dieser Hang ins Künstlerische, diese ganz eigene - ins Mystische neigende, an die klassische Moderne erinnernde - Bildersprache, die sie entwickelt haben? Dem Schweizer „Duo infernale“ geht es darum, seine eigenen „Ideen“ zu verwirklichen, auch wenn der äussere Anlass dazu das Abbilden von Mode und Models, also „das Komponieren einer Ware mit schönen Frauen“ (Hannelore Schlaffer) ist. Bei diesen „Ideen“ handelt es sich um abstrakte Vorstellungen und Ideen des Raums und von Strukturen, die sie ständig in ihren Skizzenbüchern fortführen. Ein solches „Experiment“ könnte zum Beispiel sein, dass man die dargestellte Figur versucht, in eine unendliche Reihe von Flächen zu integrieren (ein Projekt, das sie im Plakat zur Gwand-Modeschau von 1998 verwirklicht haben), oder dass die dreidimensionale Gestalt des Models in einer zweidimensionalen Zeichnung schon wieder „verschwindet“. Auch das räumliche Phänomen der Auflösung und der Leere - des Chaos, des zerfallenden Raums - ist ein wichtiges Thema ihrer Arbeit.
Passt nun ein Auftrag gerade zu einer solchen Idee, wird diese anhand des jeweiligen Projektes ausgeführt: Auf diese Weise vermischen Fotosolar künstlerischen Ambitionismus mit kommerziellem Broterwerb. Das geht so weit, dass sie bis zu einer Woche an einem Bild arbeiten; gegen 40 Blätter Skizzen werden entworfen, Kulissen, Kostüme und Accessoires eigenhändig zusammengebastelt (gerade dieser Anachronismus in Zeiten der Computermanipulation macht ihnen besonders Spass); selbst die spätere Arbeit mit dem Modell, das Schminken, Anziehen und Fotografieren ist noch ein kreativer Vorgang. Eben mit diesem künstlerischen Perfektionismus schaffen sich Fotosolar aber einen klaren Nachteil in dem auf Tempo und Zeit ausgerichteten Wettbewerbsmarkt. Doch die beiden hoffen, einmal für ihren ganz eigenen - künstlerischen - Stil geliebt und gekauft zu werden, so dass sie dann ihre Ideen vielleicht sogar noch kompromissloser durchzusetzen vermögen. Als reine Künstler sehen sich Fotosolar übrigens nicht - für das lieben sie die Welt ständiger kultureller Veränderung und neuer beruflicher Herausforderung viel zu sehr. Ausserdem werden ihre Bilder von der etablierten Kunstszene sowieso als zu „glatt“ und perfekt abgetan (ein Nachteil, den die Modefotografie eben mit sich bringt). Dennoch fänden sie es spannend, ihre Fotografien einmal in einer Galerie oder in einem Kunstbuch zu präsentieren - doch auch dies wäre für sie nur wieder eine neue Herausforderung der Gestaltung, und in dieser wollen Fotosolar ganz und gar aufgehen.
Wir stehen hier also schon viel weiter im Feld der Kunst... - doch worin besteht die Kunst? Kunst als Kunsthandwerk? Als Ideenarbeit? Als gedankliche Konzeption und eigenwilliges Herumstudieren an Dingen? Ist Kunst mitunter einfach Denken, Hinterfragen, ein Moment von Bewusstheit (im Gegensatz zum platten Präsentieren und Akzeptieren von Wirklichkeit)?


d) Die Oberfläche der Kunst

Im fortlaufenden 20. Jahrhundert wurde Kunst immer mehr in diese Richtung verstanden: Kunst als gesellschaftlicher Reflexionssprozess, als Performance. Die Chapman-Brüder, Christoph Schlingensief oder die Palästinenserin Mona Hatoum - sie alle ironisieren die Wirklichkeit und thematisieren gesellschaftliche Probleme und Tabuzonen auf komplexe, ausgefallene und oft übertriebene Weise, die starke Gegensätze in sich birgt und nicht selten zum Skandal anregt. Was mit Duchamp und seiner Closchüssel begann, ist heute zu einer allgemein üblichen Praxis geworden, um sich - ferne jeder Ästhetik - mit der gesellschaftlichen Realität auseinanderzusetzen.
Besonders beliebt ist heutzutage das künstlerische Thematisieren und Ironisieren der schönen neuen Lifestyle-Welt. Die neuen Arbeiten der Schweizer Fotografin Katrin Freisager stellen Kompositionen von Menschen oder Frauen in Räumen dar, die für sich genommen oder isoliert ebenso im Kontext einer Modezeitschrift stehen könnten. Da steht zum Beispiel ein Modell in blütenreiner, sogar origineller Unterwäsche auf dunkelbraunem Boden und dunkel getäfelter Wand. Schön. Originell, denkt man sich. Einer der besseren Modefotografen. Doch irgendetwas stimmt nicht. Erstens ist der Kopf des Models von ihren Haaren verdeckt. Daneben springt (oder schwebt) das gleiche Modell; doch es ist nur bis oberhalb vom Bauchnabel sichtbar. Schliesslich steht sie nocheinmal - zum drittenmal - im Bild, doch hier sehen wir überhaupt nur die linke, oben und unten beschnittene Hälfte. Was entsteht, ist ein Eindruck des Absurden - in einem perfekten ästhetischen Rahmen. Das Modefoto als blosse Oberfläche wird durch die Schaffung eines eigenen Raums der Rätselhaftigkeit und der weiblichen Ambiguität tranzendiert. Was das Bild vom rein kommerziellen Modefoto weiters unterscheidet ist, dass mehr verschwiegen als eigentlich erzählt wird. Wie einst bei de Chirico oder René Magritte wird das Dargestellte in den neueren Werken der Schweizer Künstlerin explizit verborgen und „ins Nichts gerückt“. Nur dass diesmal die glatte Welt der Modeinszenierungen als Rahmen dient. Das Bild wird dadurch als Kunstwerk enttarnt, dass man es nicht versteht. Es verlangt eine genauere Erkundung; ein zweiter, tieferer Bedeutungsgehalt öffnet sich - und dieser nimmt einen auf, lässt einen darin schwimmen. In einer vagen, geheimnisvollen Stimmung, die das Kunstwerk kreiert.
Was also Kunst ist und was nicht, ist vielleicht einfach ein Problem der „Ebenen“: Konventionelle Modefotografie agiert auf einer - allgemein verständlichen - Ebene; sie will nur sagen: Seht her, ich bin schick, schön, ausgefallen, originell, oder eben in neuerer Zeit schäbig, auf alle Fälle anders und originär. Die Oberfläche blitzt in ihrer ganzen Breite auf und inszeniert sich, präsentiert sich obszön. Im Spiel ihrer Eitelkeit. Es tut sich kein Hintergrund auf, keine tiefere Perspektive, kein klaffender Zwiespalt, keine Ironie (als eine rein ästhetische, die dem Bildgehalt dient), mithin also kein zweiter Bedeutungsgehalt. Ganz anders in den Bildern von Katrin Freisager oder der bekanntesten Protagonistin der neuen Schönheitskunst, Inez van Lamsweerde. In deren Modefotos (publiziert in Vogue usw.) wird das Modefoto selbst schon wieder ironisiert und durch die Darstellung „genmutierter“ oder geklonter, oft zwischengeschlechtlicher Wesen bricht ein tieferer, gesellschaftlich relevanter Hintergrund auf. Sobald offensichtlich ein Gedanke, eine Ironie, eine Ahnung von Zwiespalt in das oberflächliche Glamourwerk einkehrt, beginnt sich so etwas wie „Kunst“ zu regen. Geht es also - wie schon Oscar Wilde anregte - um die Oberfläche und das Durchstossen von Oberfläche, um Ästhetik und Bedeutung? Oder hat die Ästhetik ihre eigene Bedeutung?


e) Die neue Kunst der Schönheit

Für einen Modefotografen würde sicherlich zweiteres gelten. Und tatsächlich kann man sich fragen, was oberflächlicher ist, die Kunst oder die Schönheit? Kunst erscheint - besonders heute - nur als ironischer Unterton, als eine Art Kunstgriff, als eine mehr oder weniger grüblerische - und zugleich schlaue - Auseinandersetzung mit Gegenwartsproblemen. Sie hat eine blosse Spiegelfunktion. Der Künstler kann sich in dieser Haltung der Ironisierung bereits bequemen. Immer noch ist der Künstler heute ein Handwerker - nur dass er eben mit Ideen handwerkt und zugleich eine intellektuelle, unbewusst aufklärerischen Funktion ausübt. Doch ist damit nicht die ursprünglich ästhetische, sinnliche und emotionale Komponente der Kunst verloren gegangen? In dieser Hirn-Ironie- Konzeptkunst? Haben wir damit nicht den Ursprung zum Reinen, Natürlichen und Schönen schon wieder verloren?
Zum Glück gibt es gerade heute und besonders seit den Neunzigerjahren wieder Künstler, die Kontakt zu diesem naiven und unreflektierten Bereich der Kunst aufnehmen, der sich nicht scheut, schön zu sein und durch seine sinnliche Unmittelbarkeit überzeugt. Die Bilder des Briten Gary Hume wirken in ihrer popigen und ornamentalen Aufmachung zwar schon wieder profan, offenbaren aber eine tiefere, lineare Schönheit. Agnes Martin und Yves Klein entdecken in ihren Werken die Schönheit subtiler Linien und Farben und erregen damit Seelenbewegungen. Anish Kapoor schliesslich entdeckt die Wahrheit wieder in der Natur und versetzt den Betrachter mittels Darstellung vollendeter Formen „an einen ungreifbaren Ort zwischen Subjektivität und Objektivität, an dem die Schönheit residiert“ (Zitat aus dem Ausstellungskatalog von „Beauty Now“, einer kürzlichen Ausstellung im Haus der Kunst in München). Und auch die äusserlich überaus sinnlichen und schönen Figuren- und Raumkompositionen von Katrin Freisager werden (ob sie das will oder nicht) einmal zu dieser progressiven Richtung der Kunst gerechnet werden.
Nicht der Platitüde wird hier das Wort gesprochen, dem inhaltslosen Ästhetizismus, wie er besonders vom Jugendstil und zum Teil auch von der Pop-Art praktiziert wurde. Sondern die äussere Ästhetik soll die innere Ausdruckskraft und Bedeutung - vielleicht auch Schönheit - des Kunstwerks unterstützen und damit die Kunst aus den Verliessen ihrer Unzugänglichkeit befreien, in die sie die übertriebene Intellektualität des 20. Jahrhunderts gestürzt hat. So ist das Kunstwerk tief, erhaben, subtil - und doch zugleich sinnlich, ansprechend und schön.
Wer jedoch das ästhetische Moment schlechthin als oberflächlich verwirft, der vergisst, dass Schönheit an sich schon mit dem Vollkommenen verbunden ist und daher eine eigene, natürliche Tiefe besitzt. Schönheit kann ins Spirituelle gehen - nach Schelling ist sie ein Ausdruck des Absoluten -; Kunst hingegen muss immer mühsam erst um diese Vollkommenheit ringen, bleibt - gerade heute - ein Ideenhandwerk, das - selbst oberflächlich und modisch - am Puls der Zeit kleben muss, um in die angesagten Kunstgalerien von der Royal Acadamy bis zum Guggenheim-Museum zu kommen. Stupid, möchte man sagen, im Angesicht der zeitlosen Schönheit der Natur.
Doch kommen wir auf die Modefotografie, den äussersten Punkt der Künstlichkeit, zurück. Wie wir gesehen haben, ist das Modefoto auf seiner eigenen Ebene ein Kunstwerk, insofern es künstlerische Kreativität mit Momenten der Inspiration verbindet und eine lebendige Auseinandersetzungen mit Zeit und Kultur ist. Nur ist es nicht ein Inszenieren der Wahrheit und ein Ingangsetzen reflektorischer Prozesse, sondern ein Inszenieren der Schönheit, jenes anderen Ausdrucksbereiches des Vollkommenen. Und diese wurde seit jeher - um auf das Mittelalter zurückzukommen - mit der Wahrheit gleichgestellt.

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#6 2009-09-08 12:33:10

Bianca
Neues Forenmitglied
Registriert: 2009-09-08
Beiträge: 1

Re: Kunst vs. Schönheit - Das Dilemma der Modefotografie

könnte mir jemand sagen wann der Essy veröffentlicht wurde und den vollständigen Namen des Autors verraten und wenns geht auch noch den Herausgeber Nachnamen der Zeitschrift, da ich den Artikel in meiner Facharbeit verwnden möchte und die Zitate angeben muss. Danke smile

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