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#1 2005-10-27 13:52:17

etienne
Neues Forenmitglied
Registriert: 2005-10-27
Beiträge: 5

Farbton – Klangfarbe

Farbton – Klangfarbe

Besonders augenscheinlich wird die Verknüpfung von Musik und Kunst bei der Entstehung der abstrakten Kunst Anfang des letzten Jahrhunderts. 1910 hatte Wassily Kandinsky als einer der ersten angefangen gegenstandslose Bilder zu malen und damit ein neues Kapitel der Kunstgeschichte aufgeschlagen. Ein Jahr später entstand das Gemälde „Impression III“ nach dem Besuch eines Konzertes mit Werken von Arnold Schönberg. Es ist der Versuch den Impressionen des Konzertes Ausdruck zu verleihen, die Klanggewalt durch Farbe sichtbar zu machen. Vielleicht auch der Wunsch den Zauber der Musik auf die Leinwand zu bannen und damit den Klang festzuhalten, der sonst höchstens als ungefährer Nachhall im Kopf fassbar wäre: Das Gemälde als Quintessenz eines vergänglichen Ereignisses oder als Erinnerungsstütze für bestimmte Melodien. Es scheint denkbar, dass durch dieses Bild gezielt ein Ort geschaffen wurde, der mit bestimmten akustischen Reizen verknüpft ist, so wie oft bestimmte Erinnerungen oder Stimmungen der Vergangenheit mit prägenden Melodien verbunden sind. Kandinskys Bemühungen, den Kunstbegriff durch Elemente der klassischen Musik zu erweitern, führen soweit, dass er am Bauhaus versucht eine allgemein gültige bildnerische Kompositionslehre, angelehnt an die Kompositionslehre der klassischen Musik, zu erarbeiten.
Hin und her gerissen zwischen Malerei und Kunst entscheidet sich Paul Klee 1898 als Künstler tätig zu sein. Seine Faszination für die Musik führt zu seinem Versuch Musik und Kunst zu verbinden. Seine Arbeiten können als Partituren gelesen werden: Linien und Flächen überlagern sich zu polyphonen Klanggebilden. Durch Unterbrechungen entstehen Rhythmus und Struktur. Auch in seinen Titeln benutzt Klee immer wieder Begriffe aus dem Bereich der Musik, wie Melodie, Klang oder Fuge.
Da verwundert es kaum noch, dass eines der bekanntesten Bilder Piet Mondrians „Broadway Boogie-Woogie“ betitelt ist (1942-1943). Seine Bilder sind stets Ausschnitte aus einem großen Ganzen, das zur größt möglichen Harmonie strebt.
Diese enge Beziehung von Kunst und Musik spiegelt sich auch in der Sprache wieder. Durch das Wort „Farbton“ ist es möglich eine bestimmte Farbe näher zu spezifizieren. „Farbe“ bedeutet in erster Linie eine genaue Abgrenzung von den beiden Unbuntwerten weiß und schwarz. Die Grundfarben rot, gelb und blau bezeichnen diejenigen Farben, die nicht aus einer Farbmischung hervorgehen. Um „rot“ gegen „rot“ abzugrenzen wird von verschiedenen Farbtönen gesprochen. Der „Ton“ bezeichnet in der Musik einen akustischen Reiz mit spezifischer Wellenlänge. So ist der Kammerton a auf eine Wellenlänge von 440 Hz festgelegt und mit ihm sind auch alle weiteren Töne nach der wohltemperierten Stimmung genau definiert. Ebenso gelingt eine genaue Abgrenzung von Farben nach Farbtönen. Die Bezeichnungen „Karminrot“, „Zinnober“ oder „Krapplack“ grenzen verschiedene Rottöne voneinander ab, so dass sie von einem geübten Auge voneinander unterschieden werden können. Eine genaue Zuordnung von Wellenlängen zu bestimmten Farben erweißt sich jedoch als schwierig. Die wahrgenommene Farbe ergibt sich als Komplementärfarbe der absorbierten Strahlung. Nun hängt diese also von der Intensität und Art der absorbierten Strahlung ab. Um verschiedene Farbtöne exakt voneinander beurteilen zu können, ist es demnach nötig, jeweils bei gleichen Lichtverhältnissen zu arbeiten. Dies beweist auch, dass ein besonderes Gespür notwendig ist, um die Lichtverhälntisse in einem Ausstellungsraum zu regulieren, weil bei geänderten Bedingungen eben auch die Bilder in einem anderen Licht erscheinen.
Wie schon erläutert, ist es in der Musik ohne weiteres möglich Töne physikalisch genau zu beschreiben. Einfache physikalische Messungen können dabei für das ungeübte Ohr eine Hilfe sein. Doch was unterscheidet den Kammerton gespielt von einem Klavier und von einer Gitarre oder auf die Spitze getrieben: Was unterscheidet einen Steinway- von einem Steinwegflügel? Die „Klangfarbe“ ist jeweils verschieden. Das Wort „Klangfarbe“ beschreibt dabei die Summe der Charakteristika, die zwei Klänge gleicher Tonhöhe und gleicher Lautstärke voneinander unterscheidbar macht. Physikalisch gesehen wird die Tonhöhe durch die Frequenz und die Lautstärke durch die Amplitude genau beschrieben. Unterschiedliche Klangfarben kommen durch die unterschiedlichen Formen der Hüllkurve zustande. Arnold Schönberg träumte davon eine ähnliche Logik zwischen den Klangfarben zu entdecken, wie sie zwischen den verschiedenen Tonhöhen Ausdruck in der Harmonielehre gefunden hat. Er stellte sich die Frage, ob es möglich wäre Klangfarbenmelodien nach einem bestimmten Konzept zu komponieren.
Dass auch die Musik mit Kunst verbunden ist, zeigt sich besonders bei synästhetische begabten Menschen, die Musik spontan mit bestimmten Farben in Verbindung bringen. Vielleicht lässt sich hier ein direkter Rückschluss auf die Entstehung des Begriffes „Klangfarbe“ ziehen. Ein besonders bekanntes Beispiel für einen Musiker mit synästhetischer Begabung ist die Pianistin Hélène Grimaud. Schon beim Lesen einer Partitur verbindet sie verschiedene Klangelemente mit verschiedenen Farben. Das Hören von Musik wird dadurch auch zu einem visuellen Erlebnis: Während dem Hören entstehen verschiedene dynamische Farbwelten im Kopf. Das Wissen um diese Bilder mag bei der Interpretation von Musik eine Hilfe sein, um komplexen Werken eine Struktur zu verleihen.

Wahrscheinlich ist eine strikte Trennung von Musik und Kunst auch deshalb nicht sinnvoll, weil der Mensch seine Umgebung stets und besonders mit seinen Augen und Ohren wahrnimmt. So entstehen im Gehirn unablässig Verknüpfungen von Bildern und Tönen, was dann soweit führen kann, dass beide nicht mehr getrennt voneinander wahrgenommen werden können. Am deutlichsten wird dies bei der Betrachtung eines Filmes. Ein Film ohne Musik und Geräusche wirkt stet unwirklich. Erst durch die Klänge wird er lebendig. Aus dieser Perspektive betrachtet ist es nachvollziehbar, dass die beiden Begriffe „Farbton“ und „Klangfarbe“ durch eine Symbiose von Fachbegriffen der Kunst und Musik entstehen. Wie gezeigt, hat das Aufeinandertreffen von Kunst und Musik zu außergewöhnlichen Kunstwerken geführt und sowohl Künstler als auch Musiker bei ihrer Arbeit inspiriert. Auch in der Zukunft könnte somit die Begegnung von Kunst und Musik zu wegweißenden und außergewöhnlichen Werken führen.


Dieser Text stammt von der Seite www.farbe-bekennen.net
Es werden noch dringend Leute gesucht, die gerne interessante Texte schreiben.
Viel Spaß

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