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#1 2004-05-10 08:29:47

teecee
Forenmitglied
Ort: Frankfurt/Main
Registriert: 2004-05-10
Beiträge: 24

Entwicklung der Ästhetik vs. plumpe Provokation

Tach auch,
ich werfe mal ein kontroverses Thema in die Runde, um die Jungfräulichkeit des Forums zu beenden :-)

Durch die Annäherung von Kunst und Werbung im öffentlichen Bewusstsein wird die Verschiebung von Grenzen extrem beschleunigt. Wo vor 10-15 Jahren ein nackter Mensch mehr oder weniger verschämt in speziell dafür geschaffenen Magazinen dargestellt wurde, biete heute jede Nivea-Werbung in der Programm-Zeitschrift mehr sinnlichen Genuss als diese Aufnahmen. Dadurch ergibt sich die altbekannte Herausforderung des Künstlers, sich von der nunmehr trivialen Darstellung abzugrenzen. Insbesondere im Bereich der Aktfotografie geschieht dies durch  Verschiebung der Grenzen in Richtung Provokation ( z.B. Jan Saudek ). Da die Werbung jeden ästhetischen Ansatz für sich vereinnahmt, wird eine heute geschaffenene erotische Bildsprache morgen in der Boulevardzeitschrift für  Duschbäder verwendet. Wie lange ist die Halbwertszeit einer entwickelten Ästhetik in Zeiten der Werbekunst? Wie lange bleibt die Provokation Provokation ( s.Terry Richardson, Oliviero Toscani )?

Grüssle
teecee

Offline

#2 2004-05-10 09:52:03

Daniel
Administrator
Ort: Potsdam
Registriert: 2004-02-02
Beiträge: 414
Website

Re: Entwicklung der Ästhetik vs. plumpe Provokation

Guten Morgen teecee,

herzlich Willkommen. Du bist hiermit der erste offizielle Beitragschreiber im Forum, das kann Dir keiner mehr nehmen. :-) Und vielen Dank für Dein Bemühen, dem Forum die Jungfräulichkeit zu nehmen.

Zu Oliviero Toscani: Ich habe seine Arbeiten für Benetton immer gemocht. Auch wenn die gesamte Werbekampangne ausschließlich auf Provokation (und dem damit verbundenen Medienecho ausgelegt war) zeugte sie doch von großer Kreativität von beiden Seiten: Ideengeber und Fotograf. Diese Provokation konnte aber nur im Rahmen von Werbung funktionieren. Das öffentliche Bewusstsein scheint Werbung als heiles Märchen ohne den realen kalten Wind im Gesicht aktzeptiert zu haben. Ein freischaffener Fotograf hätte mit dem gleichen Sujet keinerlei (oder nur geringe) Aufmerksamkeit erreicht.

der Admin Daniel

Offline

#3 2004-05-10 10:24:11

teecee
Forenmitglied
Ort: Frankfurt/Main
Registriert: 2004-05-10
Beiträge: 24

Re: Entwicklung der Ästhetik vs. plumpe Provokation

Admin schrieb:

Guten Morgen teecee,

herzlich Willkommen. Du bist hiermit der erste offizielle Beitragschreiber im Forum, das kann Dir keiner mehr nehmen. :-)


ein kleiner Klick für mich, ein grosser für ..... :-)


Admin schrieb:

Zu Oliviero Toscani: Ich habe seine Arbeiten für Benetton immer gemocht.


zur Provokation gehört zwangsläufig auch die Polarisierung. Kreative Arbeiten wirken nicht zwangsläufig duch die vordergründige Ästhetik, sondern durch die Idee.

Admin schrieb:

Auch wenn die gesamte Werbekampangne ausschließlich auf Provokation (und dem damit verbundenen Medienecho ausgelegt war) zeugte sie doch von großer Kreativität von beiden Seiten: Ideengeber und Fotograf.


mmmh, du sprichst eine interessante Problematik an - du trennst Ideengeber und Fotograf. Ich höre immer wieder, dass wir Fotografen für die Werbung zu teuer sind, weil die Agentur sehr oft nur einen Handwerksgehilfen sucht, der Ihre komplett vorgedachte Idee 1:1 umsetzt. Dafür ist ein Fotograf zu teuer, richtig. Gute Kreationen zeichnen sich aber dadurch aus, dass der Fotograf beim _Entstehen_ der Idee mit einbezogen wird. Wer das künstlerisch-kreative Portential des Fotografen nutzt, erhält zum Einen einen reellen Gegenwert für das gezahlte Honorar und zum Anderen eigenständige Bilder. Ich wette, dass Toscani im gesamten Entstehungsprozess beteiligt war, nur so konnten diese Bilder entstehen.

Admin schrieb:

Diese Provokation konnte aber nur im Rahmen von Werbung funktionieren. Das öffentliche Bewusstsein scheint Werbung als heiles Märchen ohne den realen kalten Wind im Gesicht aktzeptiert zu haben. Ein freischaffener Fotograf hätte mit dem gleichen Sujet keinerlei (oder nur geringe) Aufmerksamkeit erreicht.


Die Grenzen verschwimmen aber hier auch immer mehr. Je nach Betrachter und Umfeld wird das gleiche Bild als künstlerisch, banal oder emotional erkannt. Ich kann immer wieder über die Reaktionen auf meine Arbeiten schmunzeln, je nachdem ob ich die Bilder bei einer Werbeagentur oder Galerie vorlege.

grüssle
teecee

Beitrag geändert von teecee (2004-05-10 13:06:35)

Offline

#4 2004-05-10 10:48:25

Daniel
Administrator
Ort: Potsdam
Registriert: 2004-02-02
Beiträge: 414
Website

Re: Entwicklung der Ästhetik vs. plumpe Provokation

teecee, es hat ja gleich auf Anhieb mit dem Zitieren geklappt. Ich hatte gedacht, das würde einige Probleme geben. Anscheinend nicht.

teecee schrieb:

mmmh, du sprichst eine interessante Problematik an - du trennst Ideengeber und Fotograf. Ich höre immer wieder, dass wir Fotografen für die Werbung zu teuer sind, weil die Agentur sehr oft nur einen Handwerksgehilfen sucht, der Ihre komplett vorgedachte Idee 1:1 umsetzt.

Ja, da bin ich wohl vollkommen unbedarft als Laie herangegangen. Irgendwie hatte ich in meiner Vorstellung, das sich ein paar abgedrehte Typen (Achtung *KLISCHEEBEDIEN*) in einer Werbeagentur etwas Kreatives einfallen lassen und der Fotograf nur ein Erfüllungsgehilfe ist. Aber Du hast recht: Toscani war sicher am gesamten Entstehungsprozeß beteiligt.

der Admin Daniel

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#5 2004-05-10 13:05:19

teecee
Forenmitglied
Ort: Frankfurt/Main
Registriert: 2004-05-10
Beiträge: 24

Re: Entwicklung der Ästhetik vs. plumpe Provokation

teecee schrieb:

Irgendwie hatte ich in meiner Vorstellung, das sich ein paar abgedrehte Typen (Achtung *KLISCHEEBEDIEN*) in einer Werbeagentur etwas Kreatives einfallen lassen und der Fotograf nur ein Erfüllungsgehilfe ist.
der Admin Daniel

Leider ist das kein Klischee, sondern in den meisten Fällen die bittere Realität.

Offline

#6 2004-09-06 00:31:10

tristan
Gast

Re: Entwicklung der Ästhetik vs. plumpe Provokation

Zum letzten Punkt: Das finde ich eine schlimme Entwicklung. Ein eigener 'Art Director' für eine Modestrecke, das ist doch ein Armutszeugnis für den Fotografen...

Ein Fotograf, der keine Phantasie (und keinen Eigenwillen hat), ist kein guter Fotograf. Das zeigt nur, wie gänzlich kommerziell und hohl die Branche leider ist...

Zur Frage der Verschiebung der Grenzen der Provokation: Ich denke, irgendwann muss mal eine Grenze erreicht sein. Und dann geht die Entwicklung vielleicht in andere Richtungen... Vielleicht die Entdeckung der Ruhe oder so.

Was mich stört an gewissen Bildstrecken (obwohl sie auch einen gewissen Kick geben), ist, dass sie nur an Sex und dieser Provokation aufgehängt sind... Als ob es für die Fotografen nichts anderes gäbe (zeigt ein ziemlich minimalistisches, bzw. reduziertes Bild dieser Persönlichkeiten). Es fehlt mir irgendwie die innerliche Komponente... Ich bin ja auch nicht nur ein materielles Wesen, oder triebgesteuertes Tier. Bei Newton ist wenigstens noch so eine hitchcock'sche Psychologie, aber die Erfolge eines Richardson zeigen die Hingegebenheit unserer Kultur (oder die scheinbare Hingegebenheit!) an das Äussere und rein Hedonistische, was doch ziemlich traurig ist.

Wir hatten die Frage mal anlässlich eines eigenen Magazin-Projektes: Vieles von dem, was heute provokativ ist (z.B. in der Modefotografie) oder 'edgy', ist nur auf eine oberflächliche Weise provokativ. Z.b. indem ein nacktes Geschlechtsteil gezeigt wird, etc. Aber wirkliche Provokationen, die uns z.B. zum Umdenken anleiten würden, finden kaum statt.

Alles schwingt in so einem hedonistischen Weltbild - aber ist wahnsinnig kommerziell... Die Leute sind heute vielleicht nicht weniger mündig als vor einem Jahrhundert, auch wenn es die ganze Gesellschaft für sich proklamiert. ;-)

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